Interview mit der Regisseurin Claire Denis

Wann ist die Idee für „35 Rum“ entstanden?

Vielleicht schon vor meinem ersten Film, denn es ist eine Geschichte, die mir in meiner Kindheit immer wieder erzählt wurde. Es ist die Geschichte meines Großvaters. Er war Witwer und hat meine Mutter daher allein großgezogen. Außer ihr hatte er keine Kinder und er hat nie wieder geheiratet. Meine Geschwister und ich dachten immer, was für ein einschneidender Moment es gewesen sein muss, als unsere Mutter ihn irgendwann verlassen hat. Schließlich war sie seine einzige Tochter. Wir waren froh, dass uns, die wir mit Geschwistern und Vater und Mutter aufwuchsen, ein so grausamer Schritt erspart bleiben würde.

Einige Jahre später lief in Paris eine Ozu-Retrospektive. Es war Sommer und ich nahm meine Mutter mehrere Abende hintereinander mit ins Kino, um mir mit ihr Filme von Ozu anzuschauen. Ich konnte spüren, wie die Präsenz des Vaters bei Ozu etwas in ihr auslöste, es erinnerte sie an ihren eigenen Vater, meinen Großvater. Ozu hat so eine ganz besondere Art, Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Da merkte ich, wie die Idee für einen Film in mir zu reifen begann. Doch ich schob diesen Gedanken gleich wieder beiseite, weil ich mir einfach nicht vorstellen konnte, wer diesen Mann verkörpern sollte. Was mir vorschwebte, war keine getreue Nacherzählung, in meiner Vorstellung spielte die Geschichte ganz woanders. Mein Großvater war Brasilianer und dieses Fremdsein hat ihn geprägt. Gerade weil er ursprünglich nicht aus Frankreich kam, hatte er niemanden außer seiner Tochter, sie war seine ganze Familie. Schon als kleines Kind habe ich gespürt, wie wichtig sie für ihn war. Denn selbst nachdem sie geheiratet und Kinder bekommen hatte, war er immer noch in erster Linier der Vater unserer Mutter und nicht unser Großvater. Wir wussten, dass er uns bei Weitem nicht so sehr liebte wie unsere Mutter.

Doch damals habe ich diese Filmidee erst mal nicht weiterverfolgt, weil ich mir sicher war, dass niemand diesen Mann verkörpern konnte.

Niemand außer Alex Descas ...

Genau. Alex hat alles, was diese Rolle braucht. Er spielt mit einer so unaufdringlichen, leisen und unvergänglichen Intensität, dass ich sofort wusste, er ist der Richtige. Denn die Tochter hat nicht nur grenzenloses Vertrauen in diesen Mann und weiß, wie zerbrechlich er ist, sie sieht zugleich die verführerische Seite in ihm. Ginge es hier nur um eine rechtschaffene und schwache Vaterfigur, wäre das schon nicht einfach, aber dieser Vater ist zudem auch noch charmant und bezaubernd.

Einmal mehr erschaffen Sie ein ganz neues Paris. Diesmal ist es ein Paris, in dem man niemals ankommt. In dem die Personen weit entfernt wohnen und es nicht schaffen, irgendwo anzukommen. Personen, die aufeinander warten, die versuchen, ein neues Leben zu beginnen. Ein Paris, das anhand seiner Wege erzählt wird. Wir befinden uns in seinen Eingeweiden, an seinen Extremitäten, in seinen Innenräumen, auf seiner Schwelle – aber niemals im Zentrum ...

Im Gegensatz zur Metro fährt der RER niemals ins Zentrum. Es ist ein Verkehrsmittel, das die Menschen am Stadtrand abholt und in ihre Vororte zurückbringt. Sein Job ist es, zwei Welten miteinander zu verbinden, die kaum etwas von einander wissen. Die Metro ist ein Teil von Paris; wenn man die Metro nimmt, ist man in der Stadt. Indifferent und seelenlos klappert sie ihre Stationen ab. Der RER hingegen ist etwas Besonderes, denn er ist zutiefst mit dem Leben der Menschen verbunden. Die Fahrer wissen das und sind stolz darauf.

Der Alltag im Film wird durch zwei Ereignisse bedroht: eine Pensionierung und eine Hochzeit. Jedes Mal taucht das Motiv des leeren Rumglases auf, zusammen mit einer Legende. Was hat es mit dieser Geschichte der 35 Gläser Rum auf sich, die dem Film seinen Titel gibt, die jedoch nie erzählt wird?

Ich dachte dabei an die Legende eines karibischen Freibeuters, der gesagt haben soll, „an dem Tag, an dem du mir meine Tochter nimmst, werde ich mich besaufen. Zuerst meinte Jean-Pol, wir sollten die Geschichte mit ins Drehbuch reinnehmen, aber dann haben wir uns dagegen entschieden. Es ist besser, wenn sie niemand kennt.

Man hat das Gefühl, dass nur der Vater und die Tochter wirklich in der Gegenwart leben. Alle anderen Personen scheinen in der Vergangenheit gefangen zu sein: Noé, seine alte Katze und die Wohnung, die er von seinen Eltern geerbt hat, Gabrielle und ihre verflossene Liebe, René, der seiner Arbeit nachtrauert. Sie alle richten ihren Blick auf Lionel und Joséphine, auf diese Tür, hinter der sich Tag für Tag das perfekte Leben abspielt …

In den Augen der Anderen ist das Egoistische an der Liebe, dass sie die Lebensfreude steigert, und zwar im Hier und Jetzt. Die Liebe, und damit meine ich nicht unbedingt die Liebe zwischen Mann und Frau, versüßt uns die Gegenwart. Und genau das will der Dampf aus dem Reiskocher sagen, wenn der Vater nachhause kommt. Er ist eines dieser kleinen Zeichen, die besagen, „hier und jetzt geht es dir gut“. Und ich glaube, dass zwei Menschen, die sich lieben, genau wissen, dass ihre Liebe wie ein Bollwerk zwischen ihnen und den anderen steht. Sie ziehen Kraft daraus und hüten sich, sie aufzugeben. Die Liebe zwischen zwei Menschen, ganz gleich worauf sie gründet, ist ein sehr festes Band.

Und es bedarf eines letzten Wegs, der bis nach Deutschland führt, um dieses Band zu zerschneiden …

Ich wollte, dass man in dem Film etwas mehr über die Mutter erfährt. Wir brauchten irgendeine Spur von ihr, die deutlicher war als nur ein Foto, um auf die Mischehe hinzudeuten. Ich stellte mir vor, dass sie aus einem europäischen Land kam, das ganz anders ist als Frankreich, eine andere Welt am Ende der Autobahn. Und da kam mir die Heidelandschaft an der Ostsee in den Sinn, zwischen Hamburg und Lübeck, ich war da früher mal. Damals habe ich Kinder gesehen, die an Sankt Martin mit ihren Laternen durch die dunklen Straßen zogen und sangen: „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne“. Für Joséphines Vater ist dieses Land fremd, in seiner Heimat muss man keine Laternen anzünden, um die Sonne zu sehen. Seine Tochter verkörpert die Mischung aus beiden.

Poster
Ab 5.3.2009 hier im Kino ...